Veracruz

Veracruz folgt, anders als andere mexikanische Städte, einem ganz eigenen Rhythmus.

Der Son Jarocho, das Geschrei von Händlern, das Geklingel von Straßenbahnen und die typischen Hafengeräusche verweben sich zu einem Klangteppich, der bis tief in die Nacht nicht abebbt. „Solo Veracruz es bello“ – nur Veracruz ist schön, heißt das Credo der selbstbewussten Einwohner, ungeachtet des oft unerträglichen Klimas, das während eines Großteils des Jahres als dampfende Hitze über Mexikos ältestem und bedeutendstem Hafen lastet.

Hier begann und endete die spanische Dominanz über das Festland der Neuen Welt. Hier verbrannte Cortés seine Schiffe und erst lange nachdem die Mexikaner ihre Unabhängigkeit erklärt hatten, verließen die letzten spanischen Schiffe wieder den Hafen, den sie einst „Villa Rica de la Vera Cruz“ (reiche Stadt des wahren Kreuzes) genannt hatten. Heute leben hier noch immer die Nachfahren der afrikanischen Sklaven und kubanischen Einwanderer, die während der Kolonialzeit nach Veracruz verschleppt worden waren, oder sich als Kriegsflüchtlinge hier niedergelassen hatten. Diese besondere kulturelle Mischung ist nach Ansicht vieler Einheimischer für die einzigartige Atmosphäre der Stadt verantwortlich.

Der Danzón, ein aus der Danza der französischen Kolonien hervorgegangener Tanz, wurde zur vorletzten Jahrhundertwende von Kubanern nach Mexiko gebracht, wo er vor allem in Veracruz schnell populär wurde und es bis heute geblieben ist. Während er in Kuba der weißen Oberschicht vorbehalten war, beruht die Beliebtheit des Danzón in Mexiko auch darauf, dass – für die Dauer des Tanzes – Klassenschranken aufgehoben sind.

Viele Touristen lassen Vercruz auf ihrem Weg in die synthetischen Touristenresorts links liegen und verpassen so den altmodischen Charme der kolonialen Stadtviertel ebenso wie den Genuss der vielfältigen musikalischen und gastronomischen Traditionen, die einige der besten Restaurants und ältesten Kaffeehäuser des Landes hervorgebracht hat. Eine Institution unter letzteren ist das 1835 als „Café de la Parroquia“ gegründete „Gran Café del Portal“, das wegen einer Familienfehde, die zur Eröffnung eines gleichnamigen Konkurrenzunternehmens führte, umbenannt wurde. In ihm erklingt von früh bis spät der Klang von an die Trinkgläser geschlagenen Löffeln, die den Kellnern das Signal zum Nachfüllen geben.

Zu den historischen Attraktionen aus dunkleren Zeiten stammt die spanische Festung des Fuerte San Juan de Ulua, deren Kanonen Veracruz gegen Piratenüberfälle schützen sollten. Das bereits im 16.Jahrhundert erbaute Kastell wurde zwischen 1635 und 1707 weiter befestigt und diente über lange Zeit als Gefängnis. Lange und enge Gänge führten in finstere Verliese, deren Zellen immer dunkler und stickiger wurden, je nach Schwere des Verbrechens der dort Eingekerkerten. Einige von ihnen tragen makabre Spitznamen wie “Himmel”,  “Fegefeuer” oder schlicht „Hölle“. Zu den prominentesten Ex-Insassen zählten Benito Juárez (vor seiner Verbannung nach Louisiana), Fray Servando Teresa de Mier, ein bei “Kaiser” Agustín Iturbide in Ungnade gefallener Schriftsteller des 19. Jahrhunderts sowie Jesús Arriaga alias „Chucho el Roto“, ein Bandit im Stile Robin Hoods, der Ende des 19. Jahrhunderts  im Fort gefangengehalten wurde.

Zu den neuesten Attraktionen von Veracruz gehört fraglos das 1992 von einem japanischen Architekten entworfene Acuario de Veracruz, das als größtes seiner Art in Lateinamerika neben Barracudas, Haien, Mantarochen und Meeresschildkröten noch 2000 weitere Arten von Meeresbewohnern aus dem Golf von Mexiko beherbergt und auch als Forschungszentrum dient.