Toniná

Später als die meisten Mayastädte erlebteToniná sein goldenes Zeitalter erst gegen Ende der klassischen Periode der Mayakultur, obwohl das Tal von Ocosingo bereits seit der späten Präklassik besiedelt war.

Eine vor Ort gefundene Stele aus dem Jahr 919 n. Chr. belegt die These, dass Toniná dem allgemeinen Kollaps der klassischen Mayastädte widerstand und zumindest im Falle Palenques, das von Toniná erobert wurde, sogar zu dessen Niedergang beitrug. Das Datum dieser Stele stellt zugleich das letzte verzeichnete Datum der langen Zählung des Mayakalenders dar.

Die Ikonographie der Stätte steht für zwei Zeitalter, die sich anhand verschiedener Gottheiten, auf die sie sich bezieht, unterscheiden lassen: Die frühere Periode, von 300 bis 700 n.Chr., zeichnet für der Unterwelt zuzuordnende Vogeldarstellungen verantwortlich, während Darstellungen aus der zweiten Epoche, zwischen 700 und 900 n. Chr., von Himmelskörpern wie Morgen- und Abendstern und von felinen Ornamenten geprägt sind.

Auf dem Höhepunkt seiner Macht, ca. um 900 n.Chr., bestand Toninás Hauptpyramiden-Komplex aus sieben Plattformen, die von insgesamt 13 Tempeln gekrönt waren. Das komplizierte und verschachtelte Gebilde auf der zweiten Plattform der Akropolis stellt eine künstliche Unterwelt dar, wie sie als mythische Landschaft in der Vorstelllung der Maya existierte und von ihnen nachgebaut wurde. Zu diesen gebauten Landschaften zählen häufig auch heilige Berge und Gewässer, oder auch weitverzweigte Höhlensysteme, wie sie auch das Labyrinth  aus verschlungenen Gängen und dunklen Räumen in Toninás Akropolis abbildet.

In den Palästen im Ostteil der Akropolis lebten die Herrscherfamilien Toninás, einschließlich der militärischen Führer, Architekten, Priester und Astronomen. Im Unterschied zum Westteil der Akropolis, in dem Krieger und Arbeiter mit ihren Familien in schmucklosen Behausungen lebten, war der östliche Bereich verschwenderisch dekoriert.

Dass Toniná seine politische Macht vor allem kriegerischen Aktivitäten verdankte, wird vor allem in dem berühmten Fries der vier Zeitalter, dem “Mural de las Cuatro Eras” deutlich. Es besteht aus vier Panelen (von denen eines verloren gegangen ist), in denen die vier Sonnen, entsprechend den vier Zeitaltern der Maya-Kosmologie, als die abgeschlagenen Köpfe von Feinden dargestellt werden, deren aus dem Hals schießendes Blut als Federring gleichsam die ringförmigen Strahlen der Sonne abbildet. In einem der Panele ist auch der einem riesigen Nagetier gleichende Totengott abgebildet, zusammen mit einem tanzenden Skelett, das einen abgeschlagenen Kopf mit heraushängender Zunge hält.

Toninás Gesellschaft lebte in der Vorstellung, im Zeitalter der vierten und letzten Sonne und damit am Ende der Menschheit angelangt zu sein. Gestützt wurde diese Vorstellung von der realen Zerstörungswelle, die im 9. nachchristlichen Jahrhundert die Welt der Maya als permanenter Krieg überzog und nach Ansicht vieler Mayaforscher deren Untergang besiegelte.

Bei der archäologischen Stätte befindet sich auch ein überaus sehenswertes Museum mit zahlreichen Originalexponaten sowie ein nettes kleines Café, in dem auch organischer Hochlandkaffee aus Chiapas zum Verkauf angeboten werden. Die 12km lange Zufahrtsstraße von Ocosingo wurde vor einigen Jahren endlich asphaltiert.