Teotihuacán

„Die Stadt, in der Menschen zu Göttern werden“ – so nannten die Azteken die einflussreichste Kultur Mesoamerikas, Jahrhunderte nach ihrem Untergang. Zwischen 100.000 und 200.000 Menschen sollen um 600 n.Chr. in dem großangelegten städtischen Machtzentrum gelebt haben.

Teotihuacán war vor allem ein bedeutender Marktplatz mit weitreichenden Handelsbeziehungen. Die Kontrolle über die Obsidian-Minen von Otumba und Pachuca ermöglichten es Teotihuacán, die Produktion hochentwickelter Werkzeuge und anderer Gegenstände aus dem begehrten Material in der Stadt zu konzentrieren, um sie zu exportieren. Ein wichtiges Handelsgut war auch die Keramik, die in Teotihuacán hergestellt wurde, meist zylindrische, dreifüßige Gefäße in Orangeocker.
Teotihuacán übte als wichtiges geistiges Zentrum mit imposanten Zeremonialbauten auch auf Angehörige anderer Kulturen und Stadtstaaten große Anziehungskraft aus. Diese ständige Bevölkerungsfluktuation bereicherte das städtische Leben.
Warum die blühende Stadt um 700 n.Chr. plötzlich zusammenbrach, ist nicht restlos geklärt. Sowohl massive Angriffe nomadisierender Völker aus dem Norden, als auch innere Konflikte gelten als Hauptursachen des Untergangs. Brandspuren und die systematische Zerstörung von Gebäudekomplexen entlang der Avenida de los Muertos schließen einen allmählichen Niedergang aber in jedem Fall aus. Noch im 16. Jahrhundert schwärmten die Spanier von der Pracht dieser Stadt.

Plünderungen und rücksichtslose Grabungs- und Freilegungsarbeiten zu Beginn des 20. Jahrhunderts haben zu ihrer weiteren Zerstörung beigetragen. Den heutigen Besucher beeindruckt vor allem die Monumentalität der Gebäude.
So ist die berühmte Sonnenpyramide an der Straße der Toten, die als mächtige Achse den Stadtplan von Norden nach Süden durchschneidet, eines der gewaltigsten Bauwerke, die in vorspanischer Zeit auf dem amerikanischen Kontinent errichtet wurden. (50-200n.Chr.) Nur noch wenige Gebäude wie der „Tempel des Quetzalcoatl“ genannte Stufenbau oder der Palast des Quetzalschmetterlings (Palacio de Quetzalpapalotl) weisen dekorative Details auf, die die frühere Schönheit der Stadt erahnen lassen.

Da Teotihuacán – anders als z.B. die Maya – keine Schrift entwickelt hatte, sind viele Fragen nach seinen religiösen und kosmologischen Vorstellungen bis heute unbeantwortet. Neue Funde können meist nur kleine Wissenslücken schließen, oft werfen sie aber auch neue Fragen auf.
Archäologen der japanischen Aichi-Universität  stießen bei ihren Arbeiten auf ein Grab mit drei männliche Leichen in hockender Stellung. Im Unterschied zu anderen Bauopfern waren sie nicht gefesselt, also keine Kriegsgefangenen. Ihre Körperposition lässt auf Männer von hohem gesellschaftlichen Rang schließen, da diese Haltung häufig für die Darstellung von Priestern, Kriegern oder Göttern gewählt wurde.
Ende 2011 wurden auch im Zentrum der Sonnenpyramide Reste von Opfergaben aus Keramik und Obsidian gefunden, die aus der Bauzeit des Monuments (ca. 100 n. Chr.) stammen. Die Forscher entdeckten zudem Figuren aus Jade und Tierknochen und sieben Gräber – einige davon von Kindern.
2010 wurde erstmals ein bereits 2003 mittels Bodenradar nahe dem Tempel der Gefiederten Schlange georteter Tunnel durch einen Roboter erkundet. Dieser Tunnel war 1800 Jahre lang verschlossen, und man hofft darauf, am Ende des Tunnels auf die Grabkammern der alten Herrscher von Teotihuacán zu stoßen.

Wer den Aufenthalt in Teotihuacán verstehen und genießen will, sollte zuvor im Museo Nacional de Antropología in Mexico City die dortige Ausstellung zu Teotihuacán besuchen, um die Eindrücke vor Ort besser einordnen zu können.