Hintergrund

Vor Ankunft der Spanier im Jahr 1536 lebten auf dem chilenische Territorium verschiedene indigene Völker. Dazu gehörten u.a. die Atacameños und Diaguita im Norden sowie die Mapuche, Yagán, Tehuelche und Selk’nam im Süden.

Die frühesten Spuren menschlicher Besiedlung fand man im Gebiet von Monte Verde nahe dem heutigen Puerto Montt, rund 1000 km südlich Santiagos. C14-Datierungen ergaben, dass sie mindesten 14000 Jahre v.u.Z. zurückreichen und damit zu den ältesten des Kontinents überhaupt gehören.

Mumifizierung der Chinchorro, Chile

Mumifizierung der Chinchorro

Etwa 7000 Jahre reichen die Spuren der Chinchorro-Kultur im Norden des Landes zurück. Zu den bemerkenswertesten Zeugnissen dieser Kultur gehören Mumien, die älter als die der Ägypter sind.
Eine Besonderheit stellen die zahlreichen aufwändig präparierten Kindermumien dar, für die man lange keine Erklärung fand, bis man einen hohen natürlichen Arsengehalt im Trinkwasser des chilenischen Nordens feststellte. Mittlerweile geht man davon aus, dass dieser zu einer hohen Kindersterblichkeit und mittelbar zu dem ausgeprägten Mumienkult geführt hat. (Bild: Andrea021 [CC BY-SA 3.0], from Wikimedia Commons)

Pukará de Quitor bei San Pedro de Atacama, Chile

Pukará de Quitor bei San Pedro de Atacama

Bis 500 v.u.Z lässt sich die Atacameña-Kultur zurückverfolgen. Im Unterschied zur Chinchorro-Kultur, die wesentlich vom Fischfang lebte, waren die Atacameños Bauern und Viehzüchter.
Mit der Pukará (Púcara) de Quitor findet sich eine ihrer typischen Wohn- und Fluchtburgen wenige Kilometer außerhalb von San Pedro de Atacama.
Archäologische Zeugnisse weisen darauf hin, dass sich die auch Likanantaí oder Atacamas genannten Atacameños ausgiebig mit der Himmelsbeobachtung beschäftigten. Der Himmel über Chiles Norden gilt als einer der klarsten der Welt und beherbergt heute mehrere astronomische Observatorien. (Bild: Pukará de Quitor von Vessna [CC BY-SA 3.0], from Wikimedia Commons)

Krug in Gestalt einer schwimmenden Ente (jarro-pato), Museo Chileno de Arte Precolombino

Krug in Gestalt einer schwimmenden Ente (jarro-pato)

Weiter südlich, zwischen den Flüssen Copiapó und Choapa in Chiles Norte Chico, lebten ab dem 9.Jahrhundert u.Z. die Diaguita, ein Volk der Töpfer, Bergleute und Textilhandwerker.
Zu den bekanntesten Zeugnissen ihrer Kultur gehört die mit geometrischen Ornamenten versehene Keramik, oft als Krüge in Gestalt einer schwimmenden Ente (jarro-pato). (Bild: © Museo Chileno de Arte Precolombino)
Die Diaguita pflegten einen intensiven Kontakt und Austausch mit den an der Küste des Norte Chico lebenden so genannten Changos, einem Volk hoch spezialisierter Fischer, die ihre Boote mit der Haut von Seelöwen bespannten und so wasserdicht machten.

Im 15. Jahrundert eroberten die Inka nach und nach den Norden und die Mitte Chiles. Anders als im Zusammentreffen mit anderen Völkern, die sich den Inka unterordneten, leisteten die Mapuche erbitterten Widerstand und reklamierten nach der dreitägigen Schlacht am Maule den Sieg für sich. Wo die Südgrenze des Inkaimperiums verlief, ist umstritten, doch sicher ist, dass die Inka niemals den Bío Bío überquerten.
Durch ihren Kontakt mit den Inka-Invasoren begegneten die bis heute für ihren Kampfgeist berühmten Mapuche zum ersten Mal Menschen mit einer staatlichen Organisation. Dies verlieh ihnen in der Unterscheidung von den Eindringlingen ein eigenes Bewusstsein als Gemeinschaft, so dass sie sich trotz fehlender staatlicher Organisation zu losen geopolitischen Einheiten zusammenfanden.

Mapuche Machis um 19oo, Chile

Mapuche Machis um 19oo

Die Mapuche lebten vor dem Kulturkontakt mit den Spaniern als nicht hierarchisch, auf Familienverbänden beruhenden Gruppen. In diesen hatten bestimmte Personen wie die Tokis (~Kriegshäuptlinge) und die Machis (~ weibliche oder homosexuelle Schamanen) zwar Autorität und Einfluss, jedoch keine institutionalisierten Instrumente zur Durchsetzung ihrer Macht. (Bild: See page for author [Public domain], via Wikimedia Commons)
Ihr Siedlungsgebiet erstreckte sich vom Río Choapa (etwa 200 km nördlich von Santiago) bis zur Insel Chiloé über eine Nord-Süd-Ausdehnung von etwa 1600 Kilometern. Auch im Kontakt mit den Spaniern erwiesen sich die Mapuche über mehrere Jahrhunderte als äußerst widerstandsfähig. Während des so genannten Arauco-Kriegs, der sich mit langen Phasen des Waffenstillstandes über 300 Jahre dahinzog, behielten sie weitgehend ihre Autonomie.

Die Tehuelche (aus dem Mapuche stammender Sammelbegriff für verschiedene Ethnien) lebten im südlichen Patagonien, zwischen dem Río Negro und dem heutigen Punta Arenas im wesentlichen von der Jagd auf Guanacos, deren Herden sie saisonal folgten.
Im Winter suchten sie niedriger gelegene Gebiete in fruchtbaren Tälern oder an Küsten und Seeufern auf und im Sommer zogen sie auf die Mesetas oder zentralen Hochebenen Patagoniens bis in die Anden, wo sie mit dem Cerro Chaltén (heute Fitz Roy) ihre heilige Stätte besaßen.

Zelt (Toldo) der Tehuelche 1879, Chile

Zelt (Toldo) der Tehuelche 1879

Für jede Etappe ihrer zyklischen Wanderung hatten sie Orte, an denen sie ihr Lager aufschlugen, das sie selbst Aik oder Aiken nannten. Es bestand aus großen, relativ offenen Zelten (Toldos), deren Stangengerüste mit eingefetteten, rot bemalten Guanacohäuten bedeckt waren (Bild: See page for author [Public domain], via Wikimedia Commons).
Jede der auf Verwandtschaft basierenden Gruppen hatte ihr eigenes Jagd- und Sammelgebiet, das durch bestimmte markante landschaftliche Punkte definiert war. Für die Gruppe galt ein striktes Exogamiegebot, d.h. Männer mussten sich eine Frau außerhalb der eigenen Gruppe suchen. Dieses Verfahren führte auch zu stärkeren Bindungen zwischen den verschiedenen Gruppen.
Dramatische Veränderungen in der Lebensweise der Tehuelche brachte die Einführung des Pferdes mit sich. Die Reichweite der Jagden auf die Guanacos erweiterte sich beträchtlich, die Versorgung mit Nahrung wurde erleichtert und die zuvor vermutlich zwischen 50 und 100 Personen umfassenden Gruppen wuchsen auf eine Größe von mehreren Hundert an.
Pferde ermöglichten auch Reisen über größere Entfernungen, was den interethnischen Kontakt mit anderen Völkern und den Warenaustausch ebenso förderte wie es Konflikte wahrscheinlicher machte.

Karte der indigenen Völker Chiles

Karte der indigenen Völker Chiles

(Grafik: By Createaccount [GFDL or CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons)

Die Selk’nam (auch Ona genannt) bzw. ihre Vorfahren lebten nach archäologischen Forschungen vermutlich seit 8000 bis 10 000 Jahren auf der Isla Grande Feuerlands. Sie unterteilten sich analog zu deren beiden großen Landschaftsformen in zwei Gruppen, die Párik im windreichen Präriegebiet nördlich des Rio Grande und die Hérsk im bewaldeten, von Bergen und Seen geprägte Gebiet südlich des Flusses. Für das unwirtliche Klima in dieser Region mit kurzen, kühlen Sommern und langen, nassen, kalten Wintern entschädigte eine reiche Fauna als Nahrungsangebot: Meeressäuger und Weichtiere an der Pazifikküste und Guanacos, Füchse und Nagetiere am Atlantik. Darüber hinaus gab es auf der ganzen Insel verschiedene essbare Pflanzen und eine Vielzahl von Vögeln.
Die Selk’nam waren Jäger und Sammler von großer Mobilität, die es ihnen gestattete, die über die Insel verteilten Ressourcen zu nutzen. Wichtigste Nahrungsquelle war das Guanaco, das sie mit Pfeil und Bogen, aber auch mit Bolas (nur Männer) jagten. Sowohl Männer als auch Frauen jagten und fischten, nur Kleinkinder, Ältere und Kranke waren ausgenommen. Menschen, die besondere Fähigkeiten besaßen, die für die Gruppe wichtig waren, wurden mit einem Ehrentitel versehen. Dazu gehörten z.B. Handwerker, die Bögen und Pfeilspitzen herstellten, spezialisierte Jäger oder Schamanen.
Den Frauen war nahezu die gesamte Hausarbeit wie das Sammeln, Kochen, Körbe flechten oder das Präparieren von Häuten und Fellen überlassen. Die Männer fertigten die Werkzeuge (Stein-, Knochen- und Holzwerkzeuge) und stellten mit ihrem Jagderfolg die Hauptgrundlage für Ernährung, Kleidung und Wohnen zur Verfügung. Einziges Haustier war der Hund als unentbehrlicher Helfer für die Jagd auf Guanacos und Füchse. Hunde waren so wertvoll, dass sie beim Tod des Besitzers an dessen Verwandte vererbt wurden.
Sozial waren die Selk’nam auf der Basis von Familienverbänden in patrilinearen Clanen von 40 bis 100 Personen organisiert, die ein eigenes definiertes Jagdgebiet besaßen. Wie auch bei den Tehuelche mussten sich Männer Frauen aus anderen Clanen suchen.

Selknam mit Geistermasken

Selknam mit Masken

Eines der wichtigsten Rituale der Selk’nam Gesellschaft war die Initiation (h’ain) junger Männer, bei der die Ältesten die Jugendlichen in die Stammesgeheimnisse einweihten. Neben harten Proben, in denen die Kandidaten ihren Mut und ihre Standhaftigkeit beweisen mussten, nahm die Aufführung eines Mythos großen Raum ein. Dieser erzählte, wie die Frauen in einer mythischen Zeit die Männer beherrschten, indem sie sich als Geister verkleideten. Als die Sonne (El Sol) die Betrügerei entdeckte, ließ er alle Frauen, außer seiner Frau Mond (La Luna) töten. Seitdem hätten sich auch die Männer die Täuschung zu eigen gemacht, um ihrerseits die Frauen zu beherrschen (Bild: By Jan Giliam van Arkel [Public domain], via Wikimedia Commons).

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts geriet Feuerland in den Fokus der großen Schafzüchter, die daraufhin Söldner rekrutierten, um einen Vernichtungskrieg gegen die Einheimischen zu führen.

Manche wie José Menéndez Menéndez, dessen herrschaftliche Villa heute zu den Touristenattraktionen von Punta Arenas gehört, gingen sogar so weit, für jeden toten Selk’nam ein Pfund Sterling zu bezahlen, was durch die Übergabe der Hände oder Ohren der Opfer bestätigt wurde. Die nördlichen Stämme waren die ersten, die betroffen waren, und an der Südspitze der Insel begann eine Welle der Migration, um den Massakern zu entkommen. Schließlich überließ die chilenische Regierung 1890 die Isla Dawson in der Magellanstraße den Salesianiern, die dort eine Mission gründeten. Die Selk’nam, die den Völkermord überlebten, wurden auf die Insel deportiert. 20 Jahre später wurde die Mission geschlossen, zurück blieb nur ein Friedhof voller Kreuze.

Yagán Frauen 1882/83, Feuerland, Chile

Yagán Frauen 1882/83

Ganz im Süden des amerikanischen Kontinents lebten bereits vor 10 000 Jahren die Yagán ( auch Yaghan, Yahgan, Yámana, Yamana oder Tequenica genannt) in ihrem angestammten Siedlungsgebiet, das südlich der Isla Grande Feuerlands begann und sich bis nach Kap Hoorn erstreckte.
Die Yagán lebten nomadisch als Jäger und Sammler, indem sie mit ihren Kanus zwischen den Inseln reisten. Während die Männer Seelöwen jagten, tauchten die Frauen im eiskalten Wasser nach Muscheln und anderen Schalentieren.
Sie errichteten provisorische Siedlungen, zu denen sie regelmäßig zurückkehrten, trotzten den für Fremde lebensfeindlich anmutenden Bedingungen scheinbar unbeeindruckt und bis zum Kulturkontakt mit den Europäern im 19.Jahrhundert auch weitgehend unbekleidet.
Von den zahlreichen Feuern, an denen sie sich zusammenhockend wärmten und deren Rauch die europäische Seefahrer überall wahrnahmen, erhielt Feuerland seinen Namen. (Bild: By Unknown, Book of Mateo Martinic “Crónica de las tierras del sur del canal Beagle” [Public domain], via Wikimedia Commons)

Warum die Yagán, deren Vorfahren vermutlich zu den ersten Besiedlern des amerikanischen Kontinents gehörten, so weit nach Süden wanderten, war in der Forschung lange umstritten.
Gingen manchen Kulturwissenschaftler davon aus, dass sie von anderen, technologisch und zahlenmäßig überlegenen Völkern dorthin abgedrängt wurden, lehnten andere diese Marginalsierungstheorie ab. Stattdessen argumentierten sie, dass das Siedlungsgebiet der Yagán die besten Lebensbedingungen der Region bot, da es nicht wie der Rest des Archipels dem offenen Pazifik und dessen Stürmen ausgesetzt war und die Temperaturen höher als an den Küsten der Magellanstraße waren.

Wie für viele andere indigenen Gruppen Amerikas erwies sich auch für die Yagán der Kontakt mit den Europäern als tödlich.
Waren es zunächst eingeschleppte Infektionskrankheiten, gegen die sie keine Abwehrkräfte besaßen, wurden sie später von den Milizen der europäischen Schafzüchter systematisch verfolgt und ermordet.