Hintergrund

Als Napoleon 1808 seinen Bruder Joseph als spanischen König inthronisierte, verlor die spanische Monarchie mittelbar ihre Legitimation als Kolonialmacht. Wie in den anderen amerikanischen Kolonien Spaniens auch, formierte sich in Chile eine Unabhängigkeitsbewegung, wenn auch zunächst als Junta im Namen Ferdinands, Erbe des abgesetzten spanischen Königs.

Diese Junta erklärte Chile am 18. September 1810 zur autonomen Republik innerhalb der spanischen Monarchie. (Zur Erinnerung an diesen Tag begeht Chile jedes Jahr am 18. September seinen Nationalfeiertag).

Schon bald wurden Forderungen nach völliger Unabhängigkeit laut, und es folgten Jahre der (militärischen) Auseinandersetzungen zwischen Royalisten und den so genannten Patrioten.

Erstere wurden aus dem Vizekönigtum Peru unterstützt, das vier militärische Expeditionen nach Chile entsandte.

Nach der Schlacht von Rancagua 1814 gelang den spanischen Truppen zunächst eine Wiedereroberung chilenischen Territoriums (Reconquista genannt), und die militärischen Führer des Unabhängigkeitsheeres, Bernardo O’Higgins und José Miguel Carrera, mussten nach Argentinien fliehen.

"Chile y Argentina, la cordillera que nos une"

Die Umarmung von Maipú von Pedro Subercaseaux, aus dem Buch “Chile y Argentina, la cordillera que nos une” [Public domain], via Wikimedia Commons

1817 kam O’Higgins mit seinem General José de San Martín und einem Heer von 5000 Mann über die Anden nach Chile zurück. Er besiegte die Spanier in der Schlacht von Chacabuco, doch den endgültigen Sieg der Unabhängigkeitsbewegung errang José de San Martín in der Schlacht von Maipú am 5. April 1818.

Am 12. Februar 1818 erklärte sich Chile zur unabhängigen Republik. Die politische Umwälzung brachte jedoch wenig soziale Veränderungen mit sich, und die chilenische Gesellschaft des 19. Jahrhunderts bewahrte im Kern ihre stratifizierte koloniale Sozialstruktur, die stark von der Familientradition und der römisch-katholischen Kirche beeinflusst war. Zwar entstand schließlich eine starke Präsidentschaft, aber die wohlhabenden Großgrundbesitzer behielten ihre Macht.

Chile begann langsam, seine Einflusssphäre auszuweiten und seine Grenzen zu etablieren.

Durch den Vertrag von Tantauco wurde der Archipel von Chiloé 1826 eingegliedert.

Die Wirtschaft begann zu boomen durch die Entdeckung von Silbererz in Chañarcillo und den wachsenden Handel des Hafens von Valparaíso, der zu einem Konflikt um die Vorherrschaft im Pazifik mit Peru führte. Gleichzeitig wurden Versuche unternommen, die Souveränität im Süden Chiles zu stärken, indem man das Eindringen in Araukanien intensivierte und Llanquihue 1848 mit deutschen Einwanderern kolonisierte. Durch die Gründung von Fort Bulnes durch den Schoner Ancud unter dem Kommando von John Williams Wilson trat die Region Magallanes 1843 dem Land bei, während sich in der Region Antofagasta, damals ein Teil Boliviens, immer mehr Menschen ansiedelten.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gelang es der chilenischen Regierung, durch die Besetzung Araukaniens ihre Position im Süden des Landes zu festigen.

Der Grenzvertrag von 1881 zwischen Chile und Argentinien bestätigte die chilenischen Hoheitsrechte über die Magellanstraße.

Grafik: Ummowoa [Public domain], from Wikimedia Commons

Infolge seines militärischen Erfolgs im auch als Salpeterkrieg bekannten Pazifikkrieg mit Peru und Bolivien (1879-83) dehnte Chile sein Territorium um fast ein Drittel nach Norden aus, wodurch Bolivien seinen Zugang zum Pazifik verlor und Chile die Kontrolle über wertvolle Nitratvorkommen erwarb, deren Ausbeutung zu einer Zeit des nationalen Wohlstands führte. Chile war um 1870 eines der einkommensstärksten Länder Südamerikas.

1891 kam es zum auch als Revolution von 1891 bezeichneten Bürgerkrieg, der als Konflikt zwischen dem Präsidenten Balmaceda und Kräften des Kongresses ausgetragen wurde.

Balmaceda hatte die Unterstützung des Heeres, während die chilenische Marine auf Seiten des Kongresses stand.

Eine der Hauptursachen war Balmacedas Absicht, den Export von Salpeter und damit die Steuereinnahmen zu erhöhen, um Infrastrukturprojekte der Regierung zu finanzieren.

Präsident Balmaceda

Balmaceda, See page for author [Public domain], via Wikimedia Commons

Aber die Salpeter-Barone sowie Teile der Oligarchie und des Parlaments wollten die Exportmengen begrenzen, um die Preise hoch zu halten und schlossen sich der Opposition gegen den Präsidenten an.

In Balmacedas Praxis, junge Politiker, die nicht der herrschenden Oligarchie angehörten, zu Ministern zu berufen, sahen die traditionellen Eliten ihre politische Macht und gesellschaftlichen Einfluss in Gefahr.

Bei La Placilla, südöstlich von Valparaíso, fand am 28. August die entscheidende Schlacht des Bürgerkriegs statt: Die Regierungsarmee wurde praktisch vernichtet, 941 Männer wurden getötet, darunter General Barbosa und sein Stellvertreter, und 2.402 verwundet. Die Kongressarmee hatte mehr als 1800 Tote zu beklagen.

Präsident Balmaceda floh daraufhin in die argentinische Vertretung in Santiago, wo er nachdem er familiäre und persönliche Angelegenheiten geregelt und sein politische Testament verfasst hatte, am Nationalfeiertag mit gerade einmal 51 Jahren Selbstmord beging.

Unter den Vorzeichen der so genannten parlamentarischen Ära verkam die chilenische Wirtschaftspolitik zu einem System, das nur die Interessen einer herrschenden Oligarchie vertrat.

Erst in der zweiten Dekade des 20. Jahrhunderts war die aufstrebende Mittelschicht und die Arbeiterklasse stark genug geworden, um einen reformistischen Präsidenten, Arturo Alessandri, zu wählen. Dessen Programmatik wie etwa die Trennung von Kirche und Staat und die Einführung einer Sozialgesetzgebung wurde jedoch durch einen konservativen Kongress obstruiert.

Unter dem Eindruck fallender Salpeterpreise (mit der Einführung des so genannten Haber-Bosch-Verfahrens zur Ammoniaksynthese konnte Kunstdünger in industriellem Maßstab hergestellt werden) verschärften sich die sozialen Konflikte in Chile. Gleichzeitig fanden marxistische Gruppen zunehmend Unterstützung in der Bevölkerung.

Ein Militärputsch unter der Führung von General Luis Altamirano im Jahre 1924 löste eine Periode politischer Instabilität aus, die bis 1932 andauerte. Unter den zehn Regierungen dieses Zeitraums war auch die von General Carlos Ibáñez del Campo, der 1925 kurzzeitig an der Macht war und zwischen 1927 und 1931 als de facto Diktator herrschte. Da er jedoch die Macht freiwillig an einen demokratisch gewählten Nachfolger abgab, blieb Ibañez ein über die kommenden Jahrzehnte akzeptierter Politiker.

Mit der Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Herrschaft trat mit der Partido Radical eine starke bürgerliche Partei auf die politische Bühne, die in den folgenden zwanzig Jahren in allen Koalitionen vertreten war. Danach brachten die Wähler Ibáñez del Campo erneut für sechs Jahre an die Macht, bevor der als unabhängiger Kandidat angetretene Jorge Alessandri den chilenischen Konservatismus für weitere sechs Jahre zur bestimmenden politischen Kraft machte.

In seine Amstzeit fiel das verheerende Erdbeben von Valdivia 1960, das als stärkstes jemals aufgezeichnetes Beben in die Geschichte eingegangen ist, einen pazifikweiten Tsunami, mehrere Vulkanausbrüche und schwere Schäden hinterließ. Schätzungen der menschlichen Opfer gingen von 1655 Toten, 3000 Verletzten und zwei Millionen Obdachlosen aus.

1970 kam es mit der Wahl Salvador Allendes zu einer grundlegenden politischen Wende. Mit ihm als Kandidat der vereinten Linken (Unidad Popular) wurde erstmals ein Sozialist zum Präsidenten gewählt.

Zu den wichtigsten Maßnahmen der Regierungskoalition gehörten die Verstaatlichung von Schlüsselindustrien wie Banken, Telekommunikation und vor allem der Minenindustrie sowie eine Landreform. Obwohl diese Verstaatlichungen von der chilenischen Verfassung gedeckt waren, kam es von Beginn der Legislatur an zu Konflikten mit der Opposition und zu verdeckten Operationen der USA. Der damalige Sicherheitsberater Nixons, Henry Kissinger, brachte die Interessen der USA folgendermaßen auf den Punkt:

„I don’t see why we need to stand by and watch a country go communist due to the irresponsibility of its own people. The issues are much too important for the Chilean voters to be left to decide for themselves.“(„Ich sehe nicht ein, weshalb wir zulassen sollen, dass ein Land wegen der Verantwortungslosigkeit seiner Bevölkerung kommunistisch wird. Die Angelegenheit ist viel zu wichtig um sie der Entscheidung der chilenischen Wähler zu überlassen.“)

Die verdeckten Maßnahmen der USA gegen die demokratisch gewählte Regierung Chiles reichten von massiven finanziellen Zuwendungen an die rechts-konservartive Tageszeitung El Mercurio über die Bewaffnung rechtextremer Milizen und einer Verschwörergruppe, die den loyalen Generalstabschef René Schneider noch vor der Amtseinführung Allendes im Rahmen eines Entführungsversuchs ermordete, damit er einem Putsch nicht im Wege stehen würde.

Dank der Schaffung von Sozialprogrammen, einer Bildungs- und Gesundheitsreform, Lohnerhöhungen und der Umverteilung von Land galt der Beginn der Amtszeit Allendes als Erfolg. Als Reaktion auf die Verstaatlichung der Kupferminen, die zuvor in us-amerikanischem Besitz waren, wuchs der finanzielle Druck auf Chile. Es erhielt am internationalen Kapitalmarkt keine Kredite mehr, der Kupferexport brach ein, weil die USA und 14 andere Staaten einen Kaufboykott verhängten. Um die Sozialprogramme weiter zu finanzieren wurde Geld gedruckt, die Inflationsrate stieg immens.

Bombardierung des Präsidentenpalastes "La Moneda" im Jahr 1973

“La Moneda” wird bombardiert

Nachdem am 29. Juni 1973 ein erster Putschversuch (Tanquetazo) eines Panzerregiments von regierungstreuen Militärs niedergeschlagen worden war, kam es am 11. September 1973 zum Putsch der Armee unter Augusto Pinochet. Kampfflugzeuge bombardierten den Präsidentenpalast „La Moneda“, und wenig später begann die Erstürmung des Palastes. Nach kurzem Gefecht ordnete Allende die Kapitulation an. Nur er selbst blieb im „Saal der Unabhängigkeit“ zurück und beging Selbstmord. Bereits am Morgen des 11.September hatte sich Allende, nachdem er das Angebot der Putschisten, mit seiner Familie ins Exil zu gehen, abgelehnt hatte, in einer letzten Radioansprache verabschiedet: “Ich werde meinen Posten nicht verlassen. Ich werde mit meinem Leben das Amt verteidigen, das mir das Volk gegeben hat.” (Bild: Biblioteca del Congreso Nacional [CC BY 3.0 cl], via Wikimedia Commons)