Valparaíso & Viña del Mar

Die Schwesterstädte Valparaíso und Viña del Mar, verkürzt Valpo-Viña genannt, bilden nur bei Nacht ein harmonisches Ensemble.

Bei Tag betrachtet könnten sie ungleicher nicht sein. Hier der ebenso legendäre wie verruchte Hafen, dessen surreal anmutendes Häuserensemble mit grellen Farben überschminkt, dass er schon bessere Tage gesehen hat, dort das mondäne, an die europäischen Seebäder der französischen Riviera erinnernde Viña del Mar mit der obligatorischen Strandpromenade samt Blumenuhr, Casino und protzigen Apartmentklötzen für die oberen Zehntausend.

Auch wenn Valparaíso seit 2003 zum Weltkulturerbe zählt und stolz darauf verweist, dass der Nationaldichter Neruda hier und nicht bei der Nachbarin Quartier bezogen hatte, eine oberflächliche Schönheit ist Valparaíso trotz aller Restaurierungsarbeiten nicht geworden. Erklimmt man die Hügel rund um den Cerro Alegre mittels eines der Ascensores, jener quietschenden Standseilbahnen, die Gustave Eiffel der Hafenstadt hinterlassen hat, und blickt über die wackligen viktorianischen Holzhäuser hinunter zum Hafen mit dem gleichermaßen baufälligen Pier der Muelle Vergara, kann man sich dem Gedanken an einen alten Kahn, der nur von Rost und Farbe zusammengehalten wird, schwer entziehen. Während der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts spielte Valparaíso eine bedeutende geopolitische Rolle als wichtigster Hafen für Handelsschiffe auf ihrer Route zwischen Atlantik und dem Pazifizischen Ozean. Hier legten sie vor oder nach dem Durchqueren der Magellanstraße an, um Waren zu verladen oder auch europäische Migranten abzusetzen.

Das goldene Zeitalter Valparaísos, das dem San Franciscos glich, in dem Häuser und Geschäfte wie Pilze aus dem Boden schossen und einen Hügel nach dem anderen in Besitz nahmen, endete jäh. Die Eröffnung des Panamakanals und das damit verbundene Ende des Schiffsverkehr-Booms versetzten der Hafenstadt einen Schlag, von dem sie sich bis in die jüngste Gegenwart nicht erholte. Lateinamerikas älteste Börse, die erste freiwillige Feuerwehr des Kontinents, Chiles erste öffentliche Bibliothek und mit dem “Mercurio de Valparaíso” die älteste, kontinuierlich erscheinende Tageszeitung in spanischer Sprache erschienen eher als mahnende Erinnerung an die glorreichen Zeiten. Erst in den letzten Jahren hat Valparaíso, beflügelt durch die Anerkennung seines architektonischen und urbanen Erbes durch die Unesco, seine beeindruckende Wiedergeburt als Kulturhauptstadt des Landes inszeniert.

Valparaíso wurde in den vergangenen Jahren mehrmals von teils verheerenden Bränden heimgesucht.
Der wochenlang wütende Großbrand im April 2014 wurde von zwei Geiern ausgelöst, die sich auf einer Stromleitung über einer Müllkippe niedergelassen hatten und diese so in Schwingung brachten, dass sich zwei Leitungen berührten. Der Funkenschlag des Kurzschlusses entzündete zunächst den Müll und dann ein ganzes Stadtviertel.

Viña del Mar

In den Sommermonaten ist Viña del Mar das bevorzugte Seebad der besser betuchten Chilenen, die dann den Strand von “La Reñaca” zu Tausenden bevölkern, ungeachtet der auch im Sommer eisigen Wassertemperaturen und starken Strömungen. Zu dieser Zeit (Januar und Februar) findet auch das alljährliche “Festival Internacional de la Canción”, eines der größten Musikfestivals Südamerikas statt. Schauplatz dieser und anderer kultureller Veranstaltungen ist die Freilichtbühne der Quinta Vergara, im Parkgelände hinter dem gleichnamigen Palacio, der 1906 vom italienischen Architekten Ettore Petri als Familiensitz der Vergaras erbaut wurde. Der Palacio beherbergt heute ein Museum der schönen Künste, dessen Grundstock die private Gemäldesammlung der Familie bildet.
Ein anderer Familiensitz, der des deutschstämmigen Industriellen Gustavo Adolfo Wulff Mowle, im Jahre 1908 errichtet und 1916 burgartig ausgebaut, gehört zu den markantesten Gebäuden Viñas. Das Castillo Wulff genannte Schlösschen liegt unmittelbar am Meer am Fuße des Cerro Castillo und ist eines der beliebtesten Fotomotive der Touristen.
Aus einer Zeit lange vor Einführung der einarmigen Banditen stammt Viña del Mars mondänes Casino, das 1930 eröffnet wurde. Eine einmalige Gelegenheit, der Kultur der Osterinseln zu begegnen, bietet das sehr sehenswerte “Museo Fonck” (Museo de Arqueología e Historia Francisco Fonck), zu dessen umfangreicher und gut präsentierter archäologischer Sammlung auch einer von sechs Moais außerhalb der Inseln gehört.