Hintergrund

In der langen Reihe präkolumbianischer Kulturen in Südamerika stellt die der Inka die jüngste dar.

Die Inka lebten seit dem 12.Jahrhundert südlich des Titicacasees. Ihr Name bezeichnet sowohl die Bevölkerungsgruppe als auch den jeweiligen Herrscher/ Anführer.
In ihrem Schöpfungsmythos führen sie sich auf den als Sonnengott verehrten Inti zurück, der seinen Sohn, den ersten Inka Manco Capac und dessen Geschwister, darunter seine Schwester Mama Ocllo, losschickte, um ein neues Reich zu gründen. Dies sollte an der Stelle geschehen, an der ein goldener Stab, den sie mitführten, von alleine tief in die Erde sank. Im heutigen Cusco (Cuzco, Quechua: Qusqu’, Qosqo = ‘Nabel der Welt’) fanden sie diesen Ort.

Pachacutec Yupanqui

Darstellung des betenden Pachacutec Yupanqui in Cuscos Coricancha © public domain

In der Reihe der insgesamt dreizehn überlieferten Inkaherrscher nimmt der neunte eine herausragende Position ein. Mit Pachacutec Yupanqui (1438–1471/1472), auch Pachacuti Inca Yupanqui oder Pachakutiq Inka Yupanki (Quechua) genannt, dessen Name sinngemäß “Weltenveränderer” bedeutet, begann die rasante Expansion des Inkareiches zu einem Imperium, das oft als ‘Rom Südamerikas’ bezeichnet wurde.

Bis zur Mitte des 15.Jahrhunderts war das Inkareich im wesentlichen ein Stadtstaat, dessen Machtbereich kaum über das Tal von Cusco hinausreichte.

Unter Pachacutecs Regentschaft wurde die gesamte politische und wirtschaftliche Struktur umorganisiert, so dass ein zentralistischer Staatsapparat entstand. Er ordnete neue Anbaumethoden wie den Terrassenbau an und ließ Vorratsspeicher anlegen.

Tawantinsuyu

Die Provinzen des Inkareiches © Wonnie@commonswiki,  CC by 3.0 via Wikimedia Commons

Diese Maßnahmen führten zu wachsendem Wohlstand und bildeten die Voraussetzung zur erfolgreichen Erweiterung des Reiches zum so genannten Tawantinsuyu, dem Reich der vier Weltgegenden (Collasuyu (Südosten), Contisuyu (Südwesten), Chinchasuyu (Nordwesten) und Antisuyu (Nordosten).

Unter Pachacutec Inca Yupanqui eroberten die Inka zwischen 1450 und 1470 nicht nur das Territorium der Colla und die Region von Arequipa bis zur südlichen Küste, sondern drangen nach Norden bis zur 1000km von Cusco entfernten Stadt Cajamarca vor. Auch das Reich der Chimú, das die gesamte peruanische Küste zwischen Lima und der Grenze zu Ecuador einnahm, fiel um 1470 an die Inka.

Nicht jede Expansion des Reiches war militärischer Natur, oft schlossen sich Völker auch dem Inkareich an, um anschließend vom Prinzip der Reziprozität (~Gegenseitigkeit), auf dem die Inkaherrschaft basierte, zu profitieren.

Dieses Prinzip durchzog alle Lebensbereiche, von der kleinsten sozialen Organisationseinheit, dem ayllu (Verwandtengruppe bzw. Dorf), dessen Mitglieder zu gegenseitigen Arbeits- und Dienstleistungen verpflichtet waren, bis zu den Beziehungen zwischen dem Dorf und dem Inka und schließlich auch die zu den übernatürlichen Kräften.

Ein zentrales Element der Inkakultur war die mit’a, eine Art staatliche Arbeitspflicht, die zum Beispiel in der Bearbeitung der staatlichen Felder, dem Bau von Infrastrukturprojekten wie Straßen, Anbauterrassen oder Bewässerungskanälen geleistet werden musste. Der Dienst auf Basis der mit’a war auf 90 Tage begrenzt. Während dieser Zeit kam der Staat für die Ernährung, Bekleidung und Unterkunft der Arbeitenden auf.

Im Verhältnis zu den unterworfenen Völkern und Staaten verfuhren die Inka ähnlich wie das Römische Imperium, sie etablierten eine Form der indirekten Herrschaft. Diese ließ vordergründig die bestehenden Herrschaftformen der Provinzen intakt, vergewisserten sich jedoch der Loyalität der jeweiligen lokalen Eliten, u.a. durch Verdienstfeste und strategische Heiraten.

Die von den unterworfenen Völkern verehrten Gottheiten wurden oft in das Inka-Pantheon aufgenommen und die jeweiligen Sprachen wurden weiterhin gesprochen.

Um Aufständen vorzubeugen oder unbebaute Flächen für den Anbau zu erschließen, bedienten sich die Inka der so genannten mitma, bei der ganze Bevölkerungsgruppen in weit entfernte Gebiete umgesiedelt wurden.

Die einzigen verbindenden Elemente des Inkareiches waren die Verehrung Intis und der Cusco-Dialekt des Quechua als Amtssprache.

Chullpas oder Begräbnistürme von Sillustani

Chullpas von Sillustani (auf der Halbinsel Umayo des gleichnamigen Sees ) © von Unukorno (Eigenes Werk) CC BY 3.0via Wikimedia Commons

Auch Kulturtechniken, die oft den Inka zugeschrieben werden, wurden von diesen übernommen, so z.B. die Webkunst von den Moche , die Goldschmiedekunst von den Chimú, und auch die Kunst des fugenlosen Mauerns wurde vermutlich von den Colla übernommen.

Beispiellos ist hingegen die organisatorische und logistiche Leistung der Inka, insbesondere die planmäßige Landwirtschaft mit der Anlage riesiger Terrassenfelder an den Andenhängen und dem Bau von Bewässerungskanälen für zuvor unfruchtbare Wüstengegenden lassen Forscher und Reisende noch heute staunen.

Inkastraßen

Das Straßensystem der Inka
© von Manco Capac CC BY-SA 3.0via Wikimedia Commons

Voraussetzung für die planmäßige Verteilung von Waren und Gütern, die auf der Basis einer gewaltigen Vorratshaltung zur Verfügung standen, war das 40 000 Kilometer umfassende Straßensystem, das Transporte über weite Strecken erst ermöglichte. Zwei Hauptstraßen, eine entlang der Küste, die andere durch das Andenhochland, führten von Nord nach Süd durch das gesamte Reich. Verbunden durch zahlreiche Nebenstraßen, ermöglichten sie sowohl Gütertransporte als auch rasche Truppenbewegungen.

Darstellung eines Chaski-Läufers © public domain

Ein besonders effizientes Kommunikationssystem stellten die so genannten Chaski oder Chasqui (Quechua: Bote) dar. Diese Staffelläufer überbrachten Nachrichten mündlich, unterstützt von Quipu-Schnüren als Gedächtnisstütze, über tausende Kilometer. Im Abstand von mehreren Kilometern (je nach Terrain) waren Raststationen (so genannte tambos) eingerichtet, an denen ausgeruhte Läufer zur Verfügung standen. Diese kamen den Ankommenden entgegen, um die letzte Strecke zum tambo gemeinsam zurückzulegen und dabei sowohl die Schnüre als auch die mündliche Nachricht weiterzugeben. Überliefert ist ein Fall, in dem eine Nachricht von Cusco nach Quito (2800km) in weniger als einer Woche überbracht wurde.

Ebenso rasant wie sich Aufstieg und Expansion des Inkareiches vom kleinen Stadtstaat zum Imperium vollzogen hatte, erfolgte auch sein Zusammenbruch.

Vor Pizarro waren 1527 bereits die Pocken nach Quito gelangt, das der 11.Inka Huayna Capac zum zweiten Machtzentrum neben Cusco ausgebaut hatte, und hatten dort auch den Inkaherrscher und dessen designierten Thronfolger dahingerafft. Zwischen den beiden verbliebenen Söhnen Huascar (Cusco) und Atahualpa (Quito) brach daraufhin ein Bruderkrieg aus, der das Inkareich spaltete und bereits erheblich geschwächt hatte, als Francisco Pizarro 1532 mit knapp 200 Begleitern an der Küste Perus eintraf.

Sie machten sich auf nach Cajamarca und richteten sich dort in einer verlassenen Festung ein, um auf Atahualpa zu warten und ihn gefangen zu nehmen. Der Coup gelang, tausende Gefolgsleute des Inkaherrschers wurden niedergemetzelt, und Atahualpa bewahrte auch eine schwindelerregende Lösegeldzahlung von umgerechnet 85m³ Gold und Silber nicht vor seiner längste geplanten Hinrichtung am 26. Juli 1533.

Tod des Atahualpa, Gemälde des peruanischen Malers Luis Montero (1826-1869) © public domain

In der Folgezeit marschierten Pizarro und seine Truppen nach Cusco, dessen Eliten bereits dem Bruderkrieg der Inka zum Opfer gefallen waren, und plünderten die Stadt. Später eroberten die Spanier auch Quito.

1536 scheiterte der letzte Versuch der Inka, unter der Führung Manco Capacs, die Herrschaft über ihr Land zurück zu gewinnen, und das Inkareich war Geschichte.

Schätzungen gehen davon aus, dass binnen der 50 Jahre nach Ankunft der Spanier die Bevölkerungszahl in Peru von etwa 7 Millionen auf 500 000 sank. Wie auch in Mexiko rafften Pocken, Masern und die ausbeuterische Zwangsarbeit unter dem spanischen Encomienda-System die Menschen dahin.