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1. Ein Stoßgebet als Landesname – “Entdeckung” und “Eroberung”

Nachweise einer ersten Besiedlung auf dem Gebiet des heutigen Honduras reichen bis mindestens 6000 v. Chr. zurück.

In präkolumbianischer Zeit lebte hier eine komplexe Mischung indigener Völker unterschiedlicher Kulturen und Sprachfamilien. Maya, Lenca, Chorti, Miskito, Pech und Sumo stellten die wichtigsten Gruppen. Die Zahl der indigenen Einwohner wird – je nach Quelle und Schätzung – zwischen 500.000 und 2 Millionen Menschen angegeben. Manche Bevölkerungsgruppen waren untereinander verfeindet und leisteten den spanischen Kolonialisten zum Teil heftigen Widerstand.

Die hochentwickelte Zivilisation der Maya verbreitete sich vermutlich in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten aus dem guatemaltekischen Tiefland ins nordwestliche Honduras.

Nachbildung des Rosalilatempels im Museum von Copán

Nachbildung des Rosalila Tempels im Museum von Copán, Photo: talk2winik (Own work) [gemeinfrei], via Wikimedia Commons

Der Aufstieg und Niedergang des berühmtesten und bis heute imposantesten honduranischen Maya-Zentrums, Copán, spielte sich binnen fünf Jahrhunderten, zwischen 300 und 800 n. Chr. ab. Zu seiner Blütezeit war Copán innerhalb des Mayareiches führend in Astronomie und Kunst. Einer der längsten Glyphentexte überhaupt wurde hier gefunden. Auch als Handelszentrum spielte Copán eine bedeutende Rolle. Es unterhielt Handelsbeziehungen, die bis nach Zentralmexiko reichten.
Lange vor Ankunft der Spanier hatte die mächtige Stadt das gleiche, rätselhafte Schicksal ereilt wie die anderen Maya-Stadtstaaten. Um 800 n. Chr., dem letzten Datum, das in einer der Inschriften aufgezeichnet wurde, wurde die Stadt verlassen. Zwar blieb ein Großteil ihrer Bevölkerung in der Gegend, doch die gebildete Klasse aus Priestern und Adel verschwand.

Als Kolumbus auf seiner vierten und letzten Reise am 14. August 1502 nahe Trujillo an der Karibikküste erstmals amerikanisches Festland betrat, gab er dem “entdeckten” Land mit einem Stoßgebet auch gleich seinen späteren Namen. “Gracias a Dios que hemos salido de estas honduras” soll er der Überlieferung nach gesagt haben, was so viel bedeutet wie “Gott sei Dank, dass wir diesen Tiefen (Gewässern) entkommen sind”.
Die erste spanische Stadtgründung, Trujillo (1525) wurde als Hauptstadt bald von Gracias und später von Comayagua abgelöst. Die Spanier waren vorrangig an der Ausbeutung der Gold- und Silbervorkommen des Landesinneren interessiert und zogen das kühlere Klima des Hochlandes der feuchten Hitze der Karibikküste vor.

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2. Die schwierige Kolonie – kurzer Boom und langes Vergessen

Die “Honduras Expedition” des Conquistadors Hernán Cortés, der sich 1524 mit 250 spanischen und 3000 einheimischen Begleitern auf den Landweg von Mexiko nach Honduras gemacht hatte, geriet zum Desaster.

Sie kostete ihn sowohl seinen Ruf, als auch einen Großteil seines Vermögens und ruinierte seine Gesundheit.
Pedro de Alvarado, ehemals Kapitän in Cortés’ Armee, der zwischenzeitlich zum Gouverneur von Guatemala avanciert war, unternahm 1536 eine weitere Expedition in die verwahrloste Kolonie, in der die indigene Bevölkerung durch Krankheiten, Misshandlungen und Verschleppungen zu den karibischen Insel-Kolonien dezimiert war, während sich rivalisierende spanische Conquistadores untereinander bekriegten. De Alvarado gelang es mit Hilfe seiner guatemaltekischen Begleiter und einer rücksichtslosen Politik, eine profitable Minenindustrie in Gracias zu etablieren. Die Gold- und Silbervorkommen zogen neue Siedler an und erhöhten den Bedarf an einheimischen Arbeitskräften, die unter Bedingungen der Zwangsarbeit ausgebeutet wurden.
Vor diesem Hintergrund flammte der indigene Widerstand gegen die Kolonisatoren wieder auf und erreichte im Aufstand unter dem legendären Lenca-Führer Lempira 1537 seinen Höhepunkt. Lempira errichtete seine Basis auf einem befestigten Hügel, dem Peñol de Cerquín und schlug bis 1538 alle Versuche, ihn und seine Gefolgsleute zu unterwerfen, zurück. Zeitweise soll er bis zu 30.000 Aufständische gegen die Spanier befehligt haben.

Zeichnung von Lempira, von der honduranischen 1 Lempira Banknote abgezeichnet, Bild:

Zeichnung von Lempira, von der honduranischen 1 Lempira Banknote abgezeichnet, Bild: JVC3ETA (Own work) CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Letztlich fiel er aber einem heimtückischen Komplott zum Opfer, da er während Verhandlungen mit den Spaniern, zu denen er sich bereit gefunden hatte, ermordet wurde. Mit dem Tod der Identifikationsfigur begann der Widerstand der einheimischen Bevölkerung schnell zu bröckeln und brach schließlich zusammen.

Doch auch die Edelmetall-Vorkommen um Gracias waren schon nach wenigen Jahren erschöpft, so dass die spanische Krone ihr Interesse an der Kolonie verlor.
Als Comayagua 1561 Hauptstadt wurde, war Honduras in seinem Status vom Sitz der Audiencia zur Provinz des Generalkapitanats Guatemala geworden.
Erneute Silberfunde, dieses Mal in der Umgebung Tegucigalpas, verhalfen der Kolonie gegen Ende des 16. Jahrhunderts zu neuer Aufbruchstimmung und Blüte. In diesem Zeitraum wurde die heutige Hauptstadt erbaut.

Die gesellschaftliche Entwicklung in Honduras blieb jedoch hinter anderen zentralamerikanischen Regionen zurück. Ein Grund dafür war die sich nur sehr schleppend entwickelnde Landwirtschaft, ein anderer die dauernden Angriffe durch Piraten und Schmuggler auf die Karibikhäfen der spanischen Kolonie. Die spanische Gesellschaft zog sich weitgehend ins Landesinnere und die Pazifikregionen des Landes zurück, wo sie auf gesicherte Kommunikations und Transportwege zurückgreifen konnte.

Schließlich gelang es der britischen Krone, die Moskito-Küste unter ihre Kontrolle zu bringen und mit Unterstützung der lokalen Miskito-Bevölkerung ein Protektorat zu etablieren. Erst im späten 18. Jahrhundert, während der Herrschaft der Bourbonen-Könige in Spanien, schafften es die Spanier, wieder an der Karibikküste Fuß zu fassen. Symbolischer und materieller Ausdruck dessen war die Fertigstellung des spanischen Forts Omoa im Jahr 1779. Das britische Protektorat entlang der nicaraguanischen und honduranischen Karibikküste bestand dennoch bis Mitte des 19. Jahrhunderts fort.

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3. Drei Schritte zur Unabhängigkeit

Die Entwicklung zur Unabhängigkeit von Spanien, die formell 1821 abgeschlossen war, verlief in Honduras parallel zu den anderen spanischen Kolonien in Lateinamerika.

Begünstigt wurde der Prozess durch den Zusammenbruch der spanischen Monarchie im Zuge der napoleonischen Eroberungen. Wie seine zentralamerikanischen Nachbarn folgte für Honduras der Unabhängigkeit von Spanien der vorübergehende Anschluss an das mexikanische Reich des selbsternannten Kaisers Agustín de Iturbide.
1823 fand das Intermezzo mit Iturbides Sturz ein Ende und brachte die Unabhängigkeit von Mexiko. Honduras trat dem föderalen Staatenbund der “Vereinigten Provinzen von Zentralamerika” bei.

Francisco Morazán

Francisco Morazán – Bild: Airunp, gemeinfrei

Diese Föderation stand von Beginn an unter dem Vorzeichen des politischen Gegensatzes von Konservativen und Liberalen. Während erste als Großgrundbesitzer oder Vertreter der katholischen Kirche ihre Privilegien dem Feudalsystem der Kolonialgesellschaft verdankten, drängten die Liberalen, meist städtische Kaufleute, vor allem auf liberale Handelsgesetze und bürgerliche Freiheiten.

Ein Liberaler, der honduranische Nationalheld Francisco Morazán, wurde 1830 zum Präsidenten dieser Föderation gewählt. Während einer Dekade gelang es ihm, liberale Ziele zu verwirklichen, indem er die politische und ökonomische Macht des katholischen Klerus zurückdrängte und die landwirtschaftlichen Exporte zu steigern vermochte. Dennoch kam es immer wieder zu Aufständen gegen seine Präsidentschaft, die sich fortdauernden militärischen Auseinandersetzungen mit konservativen Truppen ausgesetzt sah. Zwischenstaatliche Konflikte und der politisch-ideologische Gegensatz, der die Gesellschaft der Mitgliedsstaaten über nationale Grenzen hinweg spaltete, besiegelten schließlich das Schicksal Morazáns und das der Föderation, die letztlich zerbrach.

historische Karte der zentralamerikanischen Föderation

historische Karte der zentralamerikanischen Föderation, Bild (gemeinfrei), siehe Link via Wikimedia Commons

Am 5. November 1838 erklärte Honduras – beinahe notgedrungen – seine nationale Unabhängigkeit. Die Konservation übernahmen unter Francisco Ferrara die Macht, und dieser wurde am 1.Januar 1841 auch Honduras’ erster verfassungsmäßiger Präsident.

Morazán, der 1842 aus dem peruanischen Exil zurückgekehrt war, um einen letzten Versuch zur Wiedereinsetzung der zentralamerikanischen Föderation zu unternehmen, endete im von konservativen Städten beherrschten Costa Rica vor einem Erschiessungskommando, von den eigenen Truppen verraten.

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4. Mächtige und übermächtige “Nachbarn”

Justo Rufino Barrios

Justo Rufino Barrios – By Brigham, W. T. (Schribner’s Magazine, Vol. 1, No. 6) [gemeinfrei], via Wikimedia Commons

Als kleines, wirtschaftlich wenig entwickeltes Land war Honduras an der Fortführung des zentralamerikanischen Staatenbundes interessiert und verfolgte auch bis zum Ende des 19.Jahrhunderts eine entsprechende Politik.

Während der konservativen Herrschaftsperiode wurden liberale Reformen weitgehend wieder zurückgenommen, und die katholische Kirche gelangte wieder zu alter Macht. 1861 unterzeichnete die honduranische Regierung schließlich ein Konkordat mit dem Heiligen Stuhl.

Nachdem 1871 mit Justo Rufino Barrios in Guatemala ein Liberaler an die Macht gekommen war, der liberale Politik mit diktatorischen und letztlich militärischen Mitteln durchzusetzen versuchte, gab dies zwar den Liberalen in Honduras neuen Auftrieb, als Barrios aber versuchte, mit einer Invasion in El Salvador die Einheit Zentralamerikas mit Gewalt wiederherzustellen, erwiesen sich die honduranischen Liberalen, wie die der Nachbarländer auch, in erster Linie als Nationalisten und schlugen den Versuch zurück.

William Walker

William Walker, [gemeinfrei], via Wikimedia Commons

Den dreistesten Versuch, Honduras unter amerikanische Kontrolle zu bringen, leistete sich bereits zehn Jahre zuvor der amerikanische Freibeuter William Walker, der im Auftrag der amerikanischen Südstaaten versuchen sollte, am Vorabend des us-amerikanischen Bürgerkrieges neue Sklavenstaaten zu schaffen. Nachdem er es 1856 geschafft hatte, faktischer Präsident von Nicaragua zu werden, dann aber der Verhaftung nur entgehen konnte, indem er in die Vereinigten Staaten zurückkehrte, fiel er 1860 in Honduras ein, wo er bei Trujillo aber von britischen Truppen gefangen genommen wurde. Diese übergaben ihn den honduranischen Behörden, die ihn zum Tode verurteilten und noch im selben Jahr exekutierten.

 

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5. Die sprichwörtliche Bananenrepublik

Was Walker misslang, schafften die amerikanischen Obstkonzerne.

Ihre skrupellose politische Einflussnahme im Dienste ihrer ökonomischen Interessen machte Honduras zur Bananen- republik. Ende des 19.Jahrhunderts kauften sie fruchtbare Landstriche in Honduras’ Norden auf. Die US-Konzerne Standard Fruit, Cuyamel Fruit und United Fruit Company beherrschten den weltweiten Bananenmarkt und teilten sich bereits 1913 75% aller honduranischen Plantagen, aus denen mehr als die Hälfte aller honduranischen Exporte hervorgingen.
Ihren politischen Machtanspruch, der sich aus dieser wirtschaftlichen Stellung ableitete, setzten die Konkurrenten durch, indem sie sich mit wechselnden politischen Fraktionen verbündeten, auch schon mal einen Militärputsch finanzierten, oder gar US-Marines ins Land riefen, um ihre Investitionen zu schützen. Eisenbahnkonzessionen, die die honduranische Regierung vergab, waren mit großzügigen Land-Geschenken an die Eisenbahngesellschaften verbunden. Anstatt jedoch die Infrastruktur des Landes zu verbessern und die größeren Städte an ein Verkehrsnetz anzubinden, nutzten die Obstkonzerne die Konzessionen zur Vergrößerung ihrer Anbauflächen und die Eisenbahnen wurden letztlich nur zum Transport der Früchte zum nächsten Exporthafen gebaut.

“El Pulpo” – die Krake, wie die seit 1929 mit der Cuyamel Fruit Company des Samuel Zemurray fusionierte United Fruit Company (UFCo) genannt wird, wuchs zur einflussreichsten politischen Macht der Region, mit ausgezeichneten Verbindungen zu den verschiedenen Diktaturen. Seit seiner Unabhängigkeit kann Honduras auf ca. 300 interne Rebellionen, Bürgerkriege und Regierungswechsel zurückblicken, von denen die meisten im 20. Jahrhundert stattfanden. Einen ewigen Rekord in formeller Stabilität stellte die Regierungszeit von Tiburcio Carías Andino dar, der sich mit Hilfe seiner guten Kontakte zu ausländischen Firmen und benachbarten Diktatoren von 1932 bis 1949 an der Macht hielt.

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6. Der Fußballkrieg kennt nur Verlierer

Kurzzeitig erregte der verharmlosend “Fußballkrieg” genannte Konflikt mit El Salvador im Jahre 1969 internationale Aufmerksamkeit.

Äußerer Anlass waren Ausschreitungen im Rahmen dreier, hart umkämpfter Qualifikationsspiele zur Fußballwelt- meisterschaft 1970, die in Tegucigalpa und in San Salvador ausgetragen wurden (letztlich qualifizierte sich El Salvador).
Die eigentlichen Ursachen des Konflikts, der am Ende geschätzte 3000 Tote und 6000 Verletzte forderte, waren ökonomische und demographische Verwerfungen. Etwa 300.000 landlose Salvadorianer waren aus ihrer dichtbesiedelten Heimat ins Nachbarland gekommen und hatten dort brachliegende Flächen in Besitz genommen, ohne jedoch die gesetzlichen Voraussetzungen für diese Landnahme zu erfüllen: Sie waren nicht Honduraner von Geburt an.
Im Zuge einer Landreform forderte die honduranische Regierung die salvadorianischen Migranten auf, binnen 30 Tagen Honduras zu verlassen. Diese Maßnahme sollte von ungelösten innenpolitischen Problemen ablenken und den Zorn der Öffentlichkeit auf die Salvadorianer lenken. Die nationalistischen Ausbrüche auf beiden Seiten wurden sowohl von den beiden Regierungen, als auch von den Medien weiter angeheizt. Immer häufiger kam es zu Übergriffen gegen die salvadorianische Minderheit in Honduras. Gleichzeitig verschärfte die Welle zurückkehrender Flüchtlinge (zwischen 80.000 und 150.000) die sozialen Spannungen in El Salvador weiter. Die Regierung war nicht bereit, die lange überfälligen Landreformen durchzuführen und den landlosen Bauern eine Lebensgrundlage zu bieten. Der Angriff auf Honduras war für El Salvadors Regierung unter Fidel Sánchez Hernandez der Ausweg aus der Krise.

By GeorgeColindres (Own work) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

Zeremonie zum Kriegsende, By GeorgeColindres (Own work) [CC BY-SA 3.0] via Wikimedia Commons

Sein Ziel war nicht die Besetzung oder militärische Unterwerfung des Nachbarlandes, sondern die Rücknahme der Vertreibung und die Gewährung des Bleiberechts für die Emigranten. Die Eskalation des Konflikts und die schnellen militärischen Erfolge der salvadorianischen Armee riefen die OAS (Organisation Amerikanischer Staaten) auf den Plan, die unter Androhung von Sanktionen binnen weniger Tage ein Ende der Kampfhandlungen durchsetzte, ohne dass El Salvador sein politisches Ziel erreicht hatte. Offiziell beendet wurde der Konflikt erst 1980 mit einem Friedensvertrag zwischen beiden Staaten. Auch wenn sich das Verhältnis zwischen beiden Staaten und deren Bevölkerungen völlig normalisiert hat, hatte der Konflikt negative wirtschaftliche Folgen für die Beteiligten. Er kappte die Handelsbeziehungen und Verkehrsverbindungen zwischen den Nachbarn für zehn Jahre, hemmte beider Entwicklung und bedeutete das Ende des gemeinsamen Marktes in Zentralamerika, der zuvor als eines der hoffnungsvollsten Projekte von Entwicklungsländern galt.

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7. USS Honduras

Mit Blick auf die Geschichte der Abhängigkeit und Fremdbestimmung haben Soziologen den Mangel an nationaler und kultureller Identität als Honduras’ größtes Problem charakterisiert.

Vor dem verheerenden Wirbelsturm Mitch, der Honduras 1998 zwar wieder auf die Titelseiten der internationalen Presse brachte, dies jedoch um den Preis, dass das Land selbst beinahe von der Landkarte gefegt wurde, fand das für Honduras wichtigste Ereignis in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bezeichnenderweise im Nachbarland Nicaragua statt: der Sieg der sandinistischen Revolution über den Diktator Anastasio Somoza Debayle und seine Anhänger.
Den drohenden Rückzug aus Nicaragua vor Augen, verlagerten die USA ihre militärischen Aktivitäten nach Honduras, aus dem sie das Trainingscamp und die Aufmarschbasis für die antisandinistischen Contra-Rebellen machten. Zur Hochzeit des Konflikts Mitte der 80er Jahre bewegte sich die Zahl der Contras in Honduras zwischen 12.000 und 17.000 und entsprach damit der Stärke der honduranischen Streitkräfte. Hatte die amerikanische Militärhilfe an Honduras für die Jahre 1975 bis 1980 16,3 Millionen US Dollar betragen, verzehnfachte sich der Betrag von 1981 bis 1985 auf 169 Millionen Dollar. Proportional stieg der Anteil der amerikanischen Gelder am honduranischen Militärhaushalt im betreffenden Zeitraum von 7 Prozent auf 76 Prozent. Von annähernd einer Milliarde US Dollar, die während der 80er Jahre von den USA nach Honduras flossen, landete der Teil, der nicht in militärische Projekte investiert wurde, auf privaten Konten korrupter Offizieller, während sich die Lebensverhältnisse der Bevölkerungsmehrheit verschlechterten.

John Negroponte

John Negroponte (2007), Bild: U.S. Department of State [gemeinfrei], via Wikimedia Commons

Ausführender Kopf, der die Pläne der Reagan-Administration in Honduras umsetzen sollte, war John Negroponte. Während er sich öffentlich für die Demokratie in der Region starkmachte, überwachte er den Prozess ihrer Unterminierung. Die Militarisierung des Landes durch die USA führte zur Destabilisierung der lokalen Sicherheit. Mit Rückendeckung der USA agierten Todesschwadrone, angeführt von Militärs, die an der berüchtigen Militärakademie “School of the Americas” (SOA) ihre terroristische Ausbildung erhalten hatten. Unter Negropontes Aufsicht wurde die “El Aguacate” Luftwaffenbasis geschaffen, in der nicht nur Contras ausgebildet wurden, vielmehr diente sie auch auch als geheimes Gefängnis und Folterzentrum. Bei Grabungen im Jahr 2001 wurden in Aguacate die Leichen von 185 Personen entdeckt, die hier während der 80er Jahre umgebracht wurden. Die berüchtigte Spezialeinheit der honduranischen Armee, das Battalion 3-16, wurde hier von CIA und Angehörigen des argentinischen Militärs ausgebildet. Ihm wird die Folter und Ermordung hunderter Menschen angelastet.

Nachdem die Sandinisten in Nicaragua 1991 abgewählt worden waren, zogen sich die USA auch finanziell weitgehend aus Honduras zurück.

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8. Mitch und weiter

Die neoliberale Wirtschaftspolitik der 80er Jahre und die Globalisierungsprozesse der 90er Jahre haben ein Honduras hervorgebracht, das als neo-feudale Gesellschaft ins 21.Jahrhundert eintritt.

Ausländisches Kapital kontrolliert 80 Prozent der Wirtschaft, ausländische Konzerne verfügen über die Hälfte der gesamten landwirtschaftlichen Anbauflächen. Weitere 25 Prozent sind in der Hand weniger mächtiger Viehzüchter. Die neue Industrie der “Maquilas”, in Freihandelszonen angesiedelte Billiglohn-Textilfabriken, denen es gestattet ist, Rohmaterialien zollfrei einzuführen, sofern die daraus hergestellten Waren wieder exportiert werden, trägt ebenfalls dazu bei, dass viele Honduraner für transnationale Firmen oder die kleine Elite der Landbesitzer arbeiten. Diejenigen, die als kleine Bauern zu überleben suchen, können von der geringen und wenig ertragreichen Anbaufläche meist nicht einmal ihre Familie ernähren. Horrende Arbeitslosigkeit zwischen 35 und 50 Prozent, eine Analphabetenrate von annähernd 50 Prozent und ein Mindestlohn von 1000 US Dollar jährlich, den bei weitem nicht alle erreichen, sind Faktoren, die dazu beitragen, dass Honduras in der UN- Statistik in der westlichen Hemisphäre nur noch Haiti und Nicaragua hinter sich lässt.
In dieser Situation erschien der Wirbelsturm Mitch, der Ende Oktober 1998 über Honduras und dessen Nachbarländer hereinbrach, geradezu als Apokalypse.

By NOAA / Satellite and Information Service [Public domain], via Wikimedia Commons

Hurrikan Mitch zum Zeitpunkt seiner stärksten Intensität, By NOAA / Satellite and Information Service [Public domain], via Wikimedia Commons

Verwüstete der mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 277 Stundenkilometern schwerste Wirbelsturm in der Region seit Menschengedenken bereits die nördlichen Küstenregionen samt ihrer Infrastruktur, lösten die tagelangen, sintflutartigen Regenfälle, die ihm folgten, Schlammlawinen aus, die zu landesweiten, verheerenden Überflutungen führten. Die Horrorbilanz des kleinen, vor Armut gebeutelten Landes las sich folgendermaßen: 7000 Tote, 1.932.000 Obdachlose, 12.000 Vermisste, 11.000 Verletzte; wirtschaftlicher Schaden: 2 Milliarden US Dollar, Bananenplantagen: 850 Millionen US Dollar, 80.000 Tonnen Kaffee wurden vernichtet, 70 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Erträge wurden vom Schlamm und den Fluten mitgerissen, 70 Prozent der Verkehrs- und Kommunikationswege, 169 Brücken, sowie andere Versorgungssysteme, wurden zerstört.

Der damalige honduranische Präsident, Carlos Roberto Flores, zog im Januar 1999 die Bilanz: “Wir haben binnen 72 Stunden alles verloren, was wir uns in mehr als 50 Jahren, Stück für Stück, aufgebaut haben.”
Unter dem Ausmaß der Naturkatastrophe brach die Logistik der großen, weltweit operierenden Hilfsorganisationen streckenweise zusammen. In denkbar kurzer Zeit hatten die großen und kleinen Nachbarn, allen voran Mexiko, die USA und Kanada, Hilfsgüter und Notfallausrüstungen aller Art bereitgestellt. Die weltweite Unterstützung, auch die der Regierung und der Bevölkerung der Bundesrepublik, waren enorm. Unmittelbar nach der Katastrophe gestaltete sich die Verteilung von Trinkwasser, medizinischer Hilfe, Lebensmitteln und technischen Hilfsgütern wie Behelfsbrücken problematisch.
Wie viele Menschen durch Mitch in den betroffenen Ländern ums Leben gekommen sind, wird letztlich niemand entgültig beantworten können.

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