Presidencialismo und Wirtschaftswunder

Eine Sonderstellung nahm Mexiko während des Zweiten Weltkrieges ein. So war es im März 1938 das einzige Land, das vor dem Völkerbund offiziell Protest gegen den “Anschluss” Österreichs an Hitler-Deutschland einlegte. Österreichische Antifaschisten und Emigranten bedankten sich für diese Haltung in einem Telegramm: “Die in Mexiko ansässigen Österreicher richten an Sie, Herr Präsident, mit größter Dankbarkeit für das großzügige und mutige Auftreten Mexikos in Genf dieses Telegramm. Ein Akt, der Mexiko einen Ehrenplatz unter den Nationen sichert, die die Freiheit und das internationale Recht wahren und verteidigen.”

Es blieb nicht beim Protest. Trotz schwieriger wirtschaftlicher Verhältnisse nahm Mexiko bis zu 10.000 Vertriebene aus Deutschland, Österreich und insbesondere aus Osteuropa und Asien auf, ebenso wie schon zuvor zahllose Flüchtlinge aus Spanien, die nach dem endgültigen Sieg Francos das Land verlassen mussten.
Zu den prominentesten deutschsprachigen Emigranten gehörten u.a. Anna Seghers und Egon Erwin Kisch.

Nach anfänglicher Neutralität trat Mexiko 1942 der Koalition gegen die Achsenmächte bei. Als einziges lateinamerikanisches Land neben Brasilien war Mexiko auch militärisch am Zweiten Weltkrieg beteiligt.

Portrait eines "Bracero"

Portrait eines “Bracero”

Weitaus wichtiger als sein militärischer Beitrag war für den Kriegsverlauf jedoch Mexikos Bedeutung für die Kriegswirtschaft der USA. 300.000 mexikanische Landarbeiter, sogenannte braceros, ersetzten die fehlenden Arbeitskräfte in der Landwirtschaft, zudem versorgte Mexiko die USA mit wichtigen Rohstoffen. Die mexikanische Industrie wurde ausgebaut und modernisiert, um die Nachfrage im eigenen Land und in den USA befriedigen zu können. In diesem Zeitraum, der als Beginn des mexikanischen Wirtschaftswunders (milagro económico mexicano) gilt, verdoppelte sich das mexikanische Außenhandelsvolumen, von dem alleine 90 % in die USA flossen. Der Boom sollte in Mexiko bis Mitte der 70er Jahre anhalten und einen gesellschaftlichen Strukturwandel mit sich bringen. Der Anteil der Beschäftigten in der Landwirtschaft halbierte sich, während sich derjenige der Industrie-Beschäftigten verdreifachte.
Diese Verschiebungen fanden vor dem Hintergrund einer wahren Bevölkerungsexplosion statt. Zwischen 1920 und der Jahrtausendwende verdoppelte sich die Bevölkerung jeweils im Laufe von 25 Jahren, von 13 Millionen um 1915 auf knapp 100 Millionen 1999.
Mit dem Machtwechsel von Cárdenas zum konservativen Avila Camacho galt die mexikanische Revolution bereits seit 1940 als beendet. Die sie tragende Partei war zur Partei der “institutionalisierten Revolution”, dem PRI, und die Regierungsform zum autoritären presidencialismo geworden. Diese Machtfülle des Präsidenten auf Kosten der Legislative und Judikative entspricht der Verfassung von 1917. Der Präsident ist Staats- und Regierungschef, Oberbefehlshaber der Streitkräfte und der Bundespolizei, sowie Führer der politischen Klasse. Dass der Präsident auch seinen Nachfolger benennt, der in Wahlen nur noch bestätigt wird, mag früher die Entscheidung eines überzeugenden Führers, eines caudillo gewesen sein. Mit der Amtszeit Camachos und in dessen Nachfolge wurde die Regelung jedoch zum Gewohnheitsrecht. Trotz oder gerade wegen des autoritären Charakters seines politischen Systems, das – nicht zuletzt ausländischen Investoren – Stabilität versprach, galt Mexiko bis weit in die 60er Jahre als Modell für ganz Lateinamerika.

Massaker und Olympische Spiele

Mit der Vergabe der Olympischen Spiele 1968 schien Mexiko seine Erfolgsgeschichte der Nachkriegs- und Nachrevolutionszeit nahtlos fortzuschreiben. Erstmals sollte das internationale Großereignis in einem Land, das der Dritten Welt zugeordnet wurde, stattfinden. Doch die überwiegend studentisch geprägte Protestbewegung der Zeit, die sich in Mexiko ebenso formiert hatte wie in anderen lateinamerikanischen Ländern oder in Europa, wollte eine Revolution, keine Olympischen Spiele.

verhaftete Studenten

verhaftete Studenten

Vorbote oder gar Auslöser des Massakers von Tlatelolco, das die mexikanische Gesellschaft am 2.Oktober 1968, wenige Tage vor Beginn der Spiele, nachhaltig prägen sollte, war eine Demonstration am 27. August. Sie endete mit der Versammlung einer Menschenmenge vor dem Präsidentenpalast, die die Parole skandierte: ¡SAL AL BALCON, CHANGO HOCICON! — “Komm raus auf den Balkon – großmäuliger Affe!” Als am 2. Oktober Tausende unbewaffneter Demonstranten, die meisten von ihnen Studenten, die heutige Plaza de las Trés Culturas betraten, um demokratische Veränderungen im PRI–System zu fordern, ließ, auch wenn alle politisch Verantwortlichen dies leugneten, der damalige Innenminister und spätere Präsident Luís Echeverría Álvarez in die Menge der Demonstranten feuern. Dreihundert von ihnen wurden erschossen, auch wenn die offiziellen Regierungsangaben nur 38 Tote “eingestanden”, Hunderte andere wurden verletzt.

Gedenktafel für die Opfer des Massakers von Tlatelolco, Ralf Roletschek [<a href="http://www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html">GFDL 1.2</a> or <a href="http://artlibre.org/licence/lal/en">FAL</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3A15-07-20-Plaza-de-las-tres-Culturas-RalfR-N3S_9336.jpg">via Wikimedia Commons</a>

Gedenktafel für die Opfer des Massakers von Tlatelolco, Ralf Roletschek GFDL 1.2 via Wikimedia Common

Ein solches Massaker war in Mexiko – zumindest in der jüngeren Geschichte – ohne Beispiel. Es löste einen Schock in der Bevölkerung aus. Erst im Juni 2002, mehr als dreißig Jahre nach dem Ereignis, gab Präsident Vicente Fox geheime Polizeiakten frei. Er ernannte einen Sonderermittler zur Aufklärung der Hintergründe des traumatischen Ereignisses, insbesondere auch die Rolle des damaligen Innenministers Luís Echeverría. Ein vorläufiger Bericht, den die Ermittler zum 35. Jahrestag des Verbrechens im Oktober 2003 vorlegten, wies nach, dass alleine 360 Heckenschützen auf die Demonstranten anlegten. Dieser Umstand belegte sowohl die Dimension der gesamten Aktion, als auch die hierarchisch hochrangige Position ihrer Befehlsgeber. Der Bericht wies zudem nach, dass einige der Heckenschützen im Apartment von Echeverrías Schwägerin Rebeca Zuno de Lima Position bezogen hatten. Ob das anwesende Militär aufgrund der Schüsse aus dem Hinterhalt der Meinung war, unter Beschuss geraten zu sein und daraufhin in die Menge feuerte, oder ob die Soldaten auf ausdrücklichen Befehl schossen, ist noch nicht restlos geklärt. Die mexikanische Regierung hatte jedenfalls auf brutale Weise demonstriert, dass sie keine Störung ihrer Selbstdarstellung während der Spiele dulden würde. In den internationalen Schlagzeilen verdrängte bald darauf Bob Beamens Jahrhundertsprung das Massaker auf dem Platz der Drei Kulturen.