“Mexiko ist ein großes Land mit einer kurzen Geschichte und einer langen Vergangenheit”

Tenochtitlan, By Thelmadatter (Own work) [Public domain], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ATenochtitlanModel.JPG">via Wikimedia Commons</a>

Tenochtitlan, von Thelmadatter (Own work) [gemeinfrei], via Wikimedia Commons

Als die spanischen Abenteurer um Hernán Cortés im Sommer 1519 bei Veracruz an Land gingen, um Vermögen und Karrieren zu machen, die ihnen in Spanien verwehrt waren, gab es Mexiko noch nicht. Die Stadtstaaten der mesoamerikanischen Hochkulturen hatten zu diesem Zeitpunkt Bedeutung und Einfluss oft schon seit

Jahrhunderten verloren, mit einer Ausnahme: Im Hochtal von Mexiko besaßen die Azteken, die sich selber Mexica nannten, eine blühende Hauptstadt inmitten des Texcoco-Sees, deren Größe, Architektur und Lage weit über das unmittelbare Einflussgebiet der Azteken hinaus bekannt waren. Tenochtitlan war auf dem Höhepunkt seiner Macht und dennoch zum Untergang verurteilt, als die Nachricht von den fremden Ankömmlingen Moctezuma II erreichte.

Moctezuma-II, von Antonio de Solís (author), artist unidentified [gemeinfrei], Quelle: Typ 625.99.800, Houghton Library, Harvard Universityvia Wikimedia Commons

Moctezuma-II, von Antonio de Solís (author), artist unidentified [gemeinfrei], Quelle: Typ 625.99.800, Houghton Library, Harvard Universityvia Wikimedia Commons

Ob Moctezuma, der als vierundzwanzigjähriger Theologiestudent vom Adel der aztekischen Gesellschaft zum “Sprecher” der Azteken und zum Nachfolger Ahuitzotls bestimmt worden war, wirklich an die Legende vom wiederkehrenden Gott Quetzalcoatl glaubte und dadurch zur tragischen Figur wurde, ist nicht sicher.

Nach der aztekischen Überlieferung hatte sich der nahende Untergang über Jahre in unheilvollen Vorzeichen angekündigt.

In jedem Fall traf Moctezuma mit seinem Versuch, die Fremden mit kostbaren Geschenken, die er ihnen durch Gesandte überbringen ließ, zur Umkehr zu bewegen, eine fatale Entscheidung: Cortés – ebenso dreist wie Moctezuma zögerlich – ließ seine Schiffe verbrennen, zwang seine Begleiter damit zur Loyalität und machte sich über die Pässe der Sierra Madre auf nach Tenochtitlan…

Cortéz und Malinche, von Thelmadatter (Self-published work by Thelmadatter) [CC BY-SA 3.0 oder GFDL], via Wikimedia Commons

Cortéz und Malinche, von Thelmadatter (Self-published work by Thelmadatter) CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Bis zum heutigen Tag liefert die Geschichtsschreibung keine wirklich plausible Erklärung dafür, wie es einer überschaubaren Streitmacht von weit unter tausend Mann gelingen konnte, eine der einflussreichsten politischen Mächte der damaligen Welt physisch und ideell zu vernichten. In der bloßen Schilderung der Ereignisse herrscht jedoch weitgehend Konsens: Cortés und seine engsten Begleiter, darunter auch seine Dolmetscherin Malinche, wurden in den Palast vorgelassen.

In einer wechselseitigen Geiselnahme wurde Moctezuma einerseits zum Gefangenen der Spanier, die ihrerseits in Tenochtitlan gefangen waren. Ein Fest zu Ehren des Gottes Huitziliopochtli eskalierte in einem Blutbad. Die Spanier töteten zahlreiche Mitglieder des aztekischen Adels, und nur das persönliche Eingreifen Moctezumas rettete sie vor der aufgebrachten Menge. Ob Moctezuma dann durch einen Steinwurf aus den eigenen Reihen, oder von den Spaniern getötet wurde, ist unklar.

Noche Triste, von Margaret Duncan Coxhead (Romance of History, Mexico) [public domain], via Wikimedia Commons

In dieser, als “noche triste” in die Geschichte eingegangenen Nacht vom 30. Juni 1520 versuchten die Spanier, aus Tenochtitlan zu fliehen. Der Versuch wurde entdeckt und geriet zu einem blutigen Debakel, bei dem zahlreiche Spanier, die nicht von Azteken getötet wurden, mitsamt den von ihnen panisch zusammengerafften Schätzen in den Kanälen der Hauptstadt ertranken.

Die Überlebenden um Cortés stellten mit Hilfe der Stadtstaaten Tlaxcala und Huejotzingo eine neue Streitmacht auf, die wenige Monate später die Belagerung der Aztekenhauptstadt begann, diese schließlich Straße für Straße eroberte und am Ende dem Erdboden gleichmachte.

Die Azteken unter ihrem erst 18jährigen Führer Cuauhtémoc, der bis heute in Mexiko als Held verehrt wird, wehrten sich verzweifelt. Letztlich waren sie aber chancenlos im Kampf gegen Hunger, Masern, Windpocken und die mit den Spaniern verbündeten Nachbarstaaten.
Cortés verdankt die Miss- und Verachtung, die er im heutigen Mexiko genießt, nicht zuletzt seiner Erlaubnis, den gefangenen Cuauhtémoc zu foltern, um ihm Informationen über verborgene Schätze abzupressen. Dieser Schande ließ der “Konquistador” 1525 eine weitere folgen. Gestützt auf die fragwürdigen Anschuldigungen eines Überläufers zum Christentum ließ er Cuauhtémoc, der als Freiwilliger im Expeditionscorps nach Honduras diente, wegen Verrats anklagen: dieser wurde schuldig gesprochen und gehängt.

Cuauhtémoc, By Jose Francisco Del Valle Mojica from Xalapa, Ver., Mexico (Flickr) [<a href="http://creativecommons.org/licenses/by/2.0">CC BY 2.0</a>], <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AMonumento_de_Cuauhtemoc.jpg">via Wikimedia Commons</a>

Cuauhtémoc, By Jose Francisco Del Valle Mojica from Xalapa, Ver., Mexico CC BY 2.0 via Wikimedia Commons

Mit Ausnahme des idealisierten Cuauhtémoc wurden alle Beteiligten dieses traumatischen Kapitels des mexikanischen Gründungsmythos zu Verlierern der Geschichte: Moctezuma II steht für den aztekischen Hamlet, dessen Zögern das eigene Volk dem vorzeitigen Untergang geweiht hatte. Cortés gilt in Mexiko bis heute als skrupelloser Kolonisator, der immer einer fremden Macht verpflichtet blieb. Der Name Malinches schließlich, der Cortés-Geliebten und Mutter des ersten “Mexikaners” Martín Cortés, wurde in der Mestizengesellschaft, als deren virtuelle Mutter sie gelten kann, zum Synonym des Verrats an der eigenen Kultur.

Dem Fall Tenochtitlans folgten binnen weniger Jahre die anderen mesoamerikanischen Völker und Kulturen. Auf  und aus den Trümmern Tenochtitlans wurde die neue Hauptstadt Ciudad de México erbaut. Cortés, dessen Erfolg und Selbstherrlichkeit ihm zahlreiche Feinde am spanischen Hof eingebracht hatten, wurde von Karl V zwar zunächst zum Generalgouverneur und militärischen Oberbefehlshaber ernannt, den erhofften Adelstitel verweigerte er ihm jedoch.